Andreas Felger, ohne Titel, 2022
Öl auf Leinwand, 80 x 60 cm © AFKS
Andreas Felger, ohne Titel, 2021
Öl auf Leinwand, 80 x 60 cm © AFKS
OHNE TITEL
2022
ÖL AUF LEINWAND
80 X 60 CM

 

Betrachten wir die Ölbilder Andreas Felgers aus dem Jahr 2022 im Überblick, dann werden zwei Werkgruppen erkennbar, die relativ geschlossen für sich stehen: Die Gemälde mit Bezug auf den Krieg Russlands gegen die Ukraine (vier Beispiele finden Sie in unserer online-Ausstellung Schmerzensbilder) und die Werke, die ich hier provisorisch Fließ-Bilder nennen möchte, weil der Künstler sie hergestellt hat, indem er die Ölfarbe stark verdünnt über die Leinwände hat fließen lassen. Aus dieser Werkgruppe abstrakter Bilder (weitere werden in der online-Ausstellung Zeitsprung gezeigt) stelle ich eines vor.

Wir können in die Oberfläche aus Farben, die noch im fixierten Zustand ihre liquide Konsistenz sichtbar werden lässt, beim Anschauen eintauchen, mit den Augen die feinsten Nuancen abtasten und die Strukturen betrachten als seien es Spuren im Sand … Keine Suche nach Bedeutung wird uns anleiten, wir können uns ganz den Reizen des Materials überlassen (und dabei auch Neugier und Vergnügen nachvollziehen, mit denen Felger sie hervorgebracht hat): zerfließend, in Wellenform, weggeschwemmt in zarten Hell-Dunkel-Übergängen, ausgehend von einer dunklen amorphen Form, die ausblüht, mit hellen Einschlüssen wie Steine, die etwas herausragen, mit unregelmäßig rasterförmigen, stellenweise weich konturierten Verstrebungen, flächig, körnig, löchrig und links unten kontrastiert durch eine kleine Partie bläulicher Farbe, die mit der Leinwandfarbe oben rechts korrespondiert.

Der gelenkte, aber (im Gegensatz zum Pinselstrich) nicht ganz kontrollierte Farbfluss, der mitbestimmt wird durch die feinen Unebenheiten des Materials, gibt den Eindruck von Freiheit (von künstlerischen Absichten). Wie beim Dripping hat auch hier die Schwerkraft mitgearbeitet. Aber die Freiheit hat Grenzen, nach außen ist die Farbe, wie in einer unsichtbaren Rahmung, mit nur leicht unregelmäßigen Rändern begradigt. So erscheinen die fließenden Formen eingefasst und im Kontrast dazu wirkt das Formüberschreitende noch intensiver. Verdichtung und Öffnung, sanfte Übergänge und gratige Linien, die löchrig und etwas bizarr erscheinen – mit leichter Hand hat Andreas Felger Gegensätze auf einer Fläche vereint und den Prozess angehalten, bevor die Farben durch Überlagerung oder Verwischung trübe würden.

Zuletzt noch ein Vergleichsbeispiel gleichen Formats aus dem Vorjahr: Auch hier sind Hell-Dunkel-Kontraste, eine Umrandung, die das Bildzentrum hervorhebt, breite Farbflächen und feinste Linien zu finden. Auch wenn die ‚Fließ-Bilder‘ im Werk Felgers ungewöhnlich erscheinen und die Rechteckformen, Pinselspuren und Ritzungen das Handwerk des Künstlers so wie wir es kennen vergegenwärtigen, gibt es doch Gemeinsamkeiten, die die Zusammengehörigkeit der Werke bezeugen.

 

Text von Marvin Altner

Marvin Altner ist promovierter Kunsthistoriker und Dozent für Kunstwissenschaft an der Universität Kassel. Nach einem Volontariat an der Hamburger Kunsthalle in Hamburg war er als wissenschaftlicher Mitarbeiter und Kurator an Berliner und Hamburger Museen sowie als freischaffender Autor im Bereich der bildenden Kunst des 19. Jahrhunderts bis zur Gegenwart tätig. Seit 2012 lehrt er an der Kunsthochschule Kassel im Studiengang Kunstwissenschaft und arbeitet als wissenschaftlicher Mitarbeiter für die Andreas Felger Kulturstiftung, unter anderem als Autor, Ausstellungskoordinator und Betreuer der Datenbank der Werke von Andreas Felger.