Andreas Felger, ohne Titel, 2021
Öl und Acryl auf Holz, 57 x 49 x 4 cm © AFKS
ohne Titel
2021
Öl und Acryl auf Holz
57 x 49 x 4 cm

Ich stelle mir vor, dass Andreas Felger, nachdem die Entscheidung für eine geometrische Grundform als Basis und für die angemessene Proportion der Stäbe gefallen war, die Platzierung der Leisten ausprobiert hat wie die Zeiger einer Uhr, die Hölzer so lange verschoben und damit die Komposition variiert hat, bis das ‚Bild‘ stimmig war. Man darf einen Moment darüber nachdenken, was ’stimmig‘ heißt: Es wird eine ästhetische Spannung erzeugt und zugleich ein Ausgleich geschaffen. Das Ergebnis ist abwechselungsreich, aber nicht unruhig; die einzelnen Stäbe wirken für sich, quasi als Solisten, aber auch als Gemeinschaft, im Verhältnis zueinander; ihre Formation resultiert im Wesentlichen aus fein justierten Neigungswinkeln, was eine fast vermenschlichende Qualität annehmen kann; einander zugeneigt sein, korrespondieren.

Die Leisten, die quer zu den Vertikalen platziert sind, haben einen anderen Charakter. Sie wirken, wenn auch formal und farblich den bislang Betrachteten ähnlich, eher wie Latten an einem Zaun, ihre Materialität tritt hervor. Formal wirken sie wie ein Durchstreichen der Vertikalen bzw. minimal geneigten Diagonalen, sie konterkarieren die Feinheit der Komposition auf der darunter liegenden Ebene. Diese Wirkung wird jedoch relativiert durch die vierte Ebene (die Kreisform einberechnet) aus zwei weiteren Stäben in primär blau-weißlich changierender Farbigkeit. Sie sind stärker geneigt und als einzige gekreuzt, wahlweise mit der Anmutung des sich Verschließens oder Umarmens zu betrachten.

Es seien hier noch einige Kontexte ergänzt: Eine Reihe der Holzreliefs sind 2020/21 entstanden, also in dem Jahr, in dem Andreas Felger in der Malerei auf die Corona Zeit reagierte. Die meisten dieser Bilder waren nicht so düster, wie man es in dieser für viele sehr belastenden, einschränkenden Zeit vielleicht hätte erwarten können. Der Künstler hat einen Umgang mit dem Thema gefunden, der es ins Positive wendet, Kurt Freitag hat ein Beispiel im Werk des Quartals 04.2020 kommentiert. Für die Arbeit mit und am Relief finden sich in Andreas Felgers Werk viele Beispiele und dazu gehören vor allem solche im Bereich Kunst im öffentlichen Raum. Einige der Werke bezeugen besonders deutlich das Spiel des Künstlers mit Fläche versus Raum, Bild versus Skulptur. In den Wegmarken im Mössinger Stadtraum ist darüberhinaus die Einbeziehung von Licht und Schatten evident, die bei entsprechender Beleuchtung auch bei den kleinformatigen Reliefs in Innenräumen zum Tragen kommen kann.

Nicht zuletzt ist die künstlerische Sprache der Reliefs durchaus vergleichbar mit Andreas Felgers in Öl oder Acryl gemalten Werken, die oftmals Balkenformen aufweisen. Hans Günter Zehnder hat ein Beispiel im Werk des Quartals 04.2024 kommentiert. Seine Beschreibung: „Wach nimmt man so die dichten Strukturen als eine Art Vergitterung wahr, man assoziiert sie als Verstrickung, man denkt an ein Dickicht und an dessen Durchdringung“ lässt sich auch auf das Zusammenspiel und die Überlagerungen der Stäbe beziehen. Spannend zu sehen, wie dem sperrigen Material der Holzlatten zum Trotz ein ästhetischer Raum mit illusionistischen Effekten entsteht, der immer auch ein Projektionsraum für die Betrachter ist.

Text von Marvin Altner

Marvin Altner ist promovierter Kunsthistoriker und Dozent für Kunstwissenschaft an der Universität Kassel. Nach einem Volontariat an der Hamburger Kunsthalle war er als wissenschaftlicher Mitarbeiter und Kurator an Berliner und Hamburger Museen sowie als freischaffender Autor im Bereich der bildenden Kunst des 19. Jahrhunderts bis zur Gegenwart tätig. Seit 2012 lehrt er an der Kunsthochschule Kassel im Studiengang Kunstwissenschaft und arbeitet als wissenschaftlicher Mitarbeiter für die Andreas Felger Kulturstiftung, unter anderem als Autor, Ausstellungskoordinator und Betreuer der Datenbank der Werke von Andreas Felger.