Andreas Felger, ohne Titel, 2024
Acryl auf Leinwand, 60 x 80 cm © AFKS
ohne Titel
2024
Acryl auf Leinwand
60 x 80 cm

„Das Denken ist beim Malen das Malen“ – mit diesem viel zitierten, ebenso einprägsamen wie interpretationsoffenen Ausspruch charakterisierte Gerhard Richter die besondere Komplexität kognitiver, emotionaler und visueller Potenziale, die zusammenspielen, wenn auf Papier oder Leinwand Form an Form und Farbe an Farbe gesetzt werden. Das Malen ist ein additiver Prozess, eine Kunst des Hinzufügens, das je nach Verfahren im Ergebnis mehr oder weniger sichtbar gemacht oder auch kaschiert wird.

Eine explizite Variante dieser Vorgehensweise besteht im Einsatz von Mustern, Rastern, seriellen Formen, die in Wiederholungsstrukturen komponiert werden. Wir dürfen uns vorstellen, dass Andreas Felger sich beim Malen des hier ausgewählten Werk des Quartals von dieser prozessorientierten Intuition hat leiten lassen, Schritt für Schritt vermittelnd zwischen der jeweils vorangegangenen und nachfolgenden Pinselsetzung, wodurch die Bildoberfläche fortwährend verändert wird und es auch für den Künstler erst im Verlauf erkennbar wird, auf welches Ergebnis, welches Werk die Bearbeitung der Leinwand zuläuft.

Die Bestimmtheit, mit der die einzelnen runden Farb-Scheiben gesetzt wurden, die räumlichen Nuancen, die durch zarte weiße und gelb-grünliche Farbbahnen entstehen, die wie Filter einiger Partien des Bildes wirken, und die Verbindung aus Aktion und Zufall, die sich an den Farbtropfen zeigt, die zuletzt hinzugefügt wurden, führen zu einem Ganzen, das geplant und kontrolliert ist, aber zugleich auch beweglich und spielerisch erscheint.

Wie der 1932 geborene Richter seine anfängliche Laufbahn als Bühnen- und Wandmaler beendet hat und sich (nach einem kurzen Studium informeller Malerei in Düsseldorf) als freier Künstler etablierte, so hat auch der 1935 geborene Andreas Felger seine Karriere als Musterzeichner und Textildesigner nach einem Studium der bildenden Kunst in München beendet und sich den freien Künsten gewidmet. Beide verbindet die Betonung der Praxis des Malens, die eine Eigendynamik erzeugt. Und bei beiden Künstlern gehen die frühen Erfahrungen und damit Prägungen in die späteren Arbeitsweisen ein.

Text von Marvin Altner

Marvin Altner ist promovierter Kunsthistoriker und Dozent für Kunstwissenschaft an der Universität Kassel. Nach einem Volontariat an der Hamburger Kunsthalle war er als wissenschaftlicher Mitarbeiter und Kurator an Berliner und Hamburger Museen sowie als freischaffender Autor im Bereich der bildenden Kunst des 19. Jahrhunderts bis zur Gegenwart tätig. Seit 2012 lehrt er an der Kunsthochschule Kassel im Studiengang Kunstwissenschaft und arbeitet als wissenschaftlicher Mitarbeiter für die Andreas Felger Kulturstiftung, unter anderem als Autor, Ausstellungskoordinator und Betreuer der Datenbank der Werke von Andreas Felger.