Andreas Felger, ohne Titel, 2025
Acryl auf Leinwand, 70 x 30 cm © AFKS
ohne Titel
2025
Acryl auf Leinwand
70 x 30 cm

Viele Bilder zeigen ihre Feinheiten, ihre Vielschichtigkeit, ihre innere Dynamik erst bei längerer Betrachtung. Länger, das soll auch heißen: mit einer anderen Betrachter-Haltung als im Kontext alltäglicher Bildkonsumption vor das Werk treten. Es muss keine andächtige Haltung sein und das Bild kein Andachtsbild wie die Mariendarstellung als Ikone auf dem mittelalterlichen Hausaltar (sie kann es aber sein, auch vor abstrakter Kunst, wie zum Beispiel der Kommentar von Martina und Martin Schockenhoff zum Werk des Quartals 04.2022 zu erkennen gibt). Die Aufmerksamkeit des Betrachters sollte aber Raum geben für unterschiedliche Arten des Sehens, mit untersuchendem Blick aufs Detail, mit Blick in die Tiefe, als sei die Bildfläche eine Landschaft, die das Auge weitet, und mit einem Schauen, das einen Prozess zulässt, in dem wir allmählich wahrnehmen, wie die Bestandteile des Bildes miteinander interagieren (einen solchen Prozess, der labyrinthische Dimensionen annehmen kann, hat Frank Günter Zehnder in Werk des Quartals 04.2024 beschrieben).

Was bedeutet dies für die Rezeption des nebenstehenden Werks? Wir folgen den Farbbahnen, beobachten die Farbmischungen an ihren Kreuzungspunkten, ‚ertasten‘ die unregelmäßigen Ränder der Linien, durchdringen das Wechselspiel teils leuchtend hervortretender und teils stumpf auf die Leinwand gesetzter Farbe. Blass weißliche Streifen sind erst nach einiger Zeit neben den dominanten dunklen Balken zu bemerken, ebenso die horizontale Dreiteilung, die sich durch kräftigen Farbeinsatz im unteren Drittel, leuchtendere Farben in der Mitte und zartere Töne im oberen Drittel der Bildfläche zeigt. In der schnell trocknenden Acrylfarbe bleibt der Abdruck der Pinselborsten im Farbmaterial sichtbar, weshalb das Leuchten der Pigmente immer verbunden mit der Textur bleibt, die durch die Pinselführung entsteht. Steht das Zusammenspiel aller Nuancen dieser Farbgebungen vor Augen – die Dauer der Betrachtung ist uns vielleicht schon nicht mehr bewusst – werden wir schließlich doch ein wenig andächtig; auch angesichts eines Bildformats, das unsere Blicke von unten nach oben emporführt, ins Hellere, Leichtere, Offenere.

Text von Marvin Altner

Marvin Altner ist promovierter Kunsthistoriker und Dozent für Kunstwissenschaft an der Universität Kassel. Nach einem Volontariat an der Hamburger Kunsthalle war er als wissenschaftlicher Mitarbeiter und Kurator an Berliner und Hamburger Museen sowie als freischaffender Autor im Bereich der bildenden Kunst des 19. Jahrhunderts bis zur Gegenwart tätig. Seit 2012 lehrt er an der Kunsthochschule Kassel im Studiengang Kunstwissenschaft und arbeitet als wissenschaftlicher Mitarbeiter für die Andreas Felger Kulturstiftung, unter anderem als Autor, Ausstellungskoordinator und Betreuer der Datenbank der Werke von Andreas Felger.