Andreas Felger, ohne Titel, 1974
Holzdruck auf Papier, AF_HS_74_0023, , © AFKS
SOMMER
1974
HOLZDRUCK AUF PAPIER
89 x 65 cm

Dieser Holzschnitt von 1974, eine der frühesten freien künstlerischen Arbeiten von Andreas Felger, fasziniert mich in seiner Schlichtheit: Er ist in drei Linienreihen komponiert und nur einer Farbe gedruckt – ein sommerliches Goldgelb. Die dynamisch gestapelte Anordnung der wogenden reifen Ähren deutet die räumliche Weite des Kornfelds an und verbildlicht die Fülle der bevorstehenden Ernte. Der grafische Stil verweist darauf, dass der Künstler in jener Zeit als Textildesigner tätig war.

Das Blatt erinnert mich an das Gedicht „Mondnacht“ von Joseph Freiherr von Eichendorff:

Es war, als hätt‘ der Himmel
Die Erde still geküßt,
Daß sie im Blütenschimmer
Von ihm nun träumen müßt‘.

Die Luft ging durch die Felder,
Die Ähren wogten sacht,
Es rauschten leis die Wälder,
So sternklar war die Nacht.

Und meine Seele spannte
Weit ihre Flügel aus,
Flog durch die stillen Lande,
Als flöge sie nach Haus.

Wie der Holzschnitt bezieht sich das Gedicht auf die Elemente: den Wind, das wogende Meer, die fruchtbare Erde sowie die zur Sonne strebenden Ähren. Ein weiteres vergleichbares Element kommt durch die Anspielung in beiden Werken auf das ewige Leben hinzu: Eichendorff verweist im letzten Vers mit dem Flug auf die Rückkehr der Seele nach Hause, in den Himmel. Ähren verweisen in der christlichen Symbolik auf den Vergleich des sterbenden Weizenkorns mit dem Tod Jesu: „Wenn das Weizenkorn nicht in die Erde fällt und erstirbt, bleibt es allein; wenn es aber erstirbt, bringt es viel Frucht. Wer sein Leben lieb hat, der wird’s verlieren; und wer sein Leben auf dieser Welt hasst, der wird’s erhalten zum ewigen Leben.“ (Joh 12, 24-26)

Text von Esther Stenkamp

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